claramayenberger.com

Viele Menschen kommen zu mir und sagen: "Ich spüre meinen Körper gar nicht." Das Nichts-Spüren ist bereits eine wichtige Information. In diesem Artikel erfährst du, warum Taubheit ein Schutz sein kann und wie der Weg zurück zum Spüren gelingt.

"Ich spüre nichts" – Wenn der Körper schweigt

Writen by Clara Mayenberger
17th July 2025

“Ich spüre meinen Körper gar nicht”, sagt Lisa* beim ersten Gespräch. Sie schaut mich fragend an. “Alle reden von Körperwahrnehmung und Bauchgefühl, aber bei mir ist da… nichts. Bin ich kaputt?”

Lisa ist nicht kaputt. Und du bist es auch nicht, falls du dich in ihren Worten wiederfindest.

Wenn Taubheit zum Schutz wird

Das “Nichts-Spüren” ist tatsächlich auch ein Spüren – nur eben das Spüren von Taubheit. Und diese Taubheit ist oft eine intelligente Überlebensstrategie deines Körpers.

Stell dir vor, du hättest als Kind erfahren, dass deine Gefühle “zu viel” sind. Dass deine Trauer andere belastet, deine Wut gefährlich ist, deine Freude stört. Was würde ein kluges System tun? Es würde lernen, diese Gefühle zu dämpfen, bis sie kaum noch wahrnehmbar sind.

Oder stell dir vor, du hättest Schmerz erlebt – körperlich oder emotional – der so überwältigend war, dass dein System beschlossen hat: “Besser, wir spüren erstmal gar nichts, als dass wir das noch einmal durchleben müssen.”

Das Nichts-Spüren ist oft ein Geschenk deines Körpers an dich gewesen.

Die verschiedenen Gesichter der Taubheit

Taubheit kann sich ganz unterschiedlich zeigen:

Die graue Welt: Alles fühlt sich gedämpft an, als würdest du durch eine Glaswand leben. Emotionen sind da, aber weit entfernt und schwer greifbar.

Der Panzer: Du funktionierst perfekt, aber es ist, als trügest du eine unsichtbare Rüstung. Nichts dringt wirklich zu dir durch – weder Schmerz noch Freude.

Die Leere: Ein Gefühl von Hohlheit, als wäre innen nichts. Manchmal beschrieben als “wie ausgehöhlt” oder “innerlich tot”.

Der Nebel: Du spürst, dass da etwas ist, aber es ist verschwommen, undeutlich, nicht greifbar.

Wenn der Schutz zum Gefängnis wird

Was einmal sinnvoll war, kann mit der Zeit zur Begrenzung werden. Der Schutz vor Überwältigung wird zur Isolation von der eigenen Lebendigkeit. Die Rüstung gegen Schmerz wird zur Barriere gegen Freude.

Michael arbeitete in einem sehr stressigen Job und hatte gelernt, seine Gefühle “auszuschalten”, um zu funktionieren. Das klappte jahrelang gut – bis er bemerkte, dass er auch am Wochenende, mit Freunden, mit seiner Familie nichts mehr spürte. Seine Schutzmechanismus hatte sich verselbstständigt.

Der sanfte Weg zurück zum Spüren

Die gute Nachricht: Der Weg zurück zum Spüren ist möglich. Er braucht Geduld, Sanftheit und oft professionelle Begleitung – aber er ist da.

Schritt 1: Das Nichts-Spüren würdigen Anstatt gegen die Taubheit zu kämpfen, können wir sie anerkennen: “Danke, dass du mich geschützt hast. Du warst wichtig für mein Überleben.”

Schritt 2: Sicherheit schaffen Spüren kann nur stattfinden, wenn sich dein System sicher fühlt. Das bedeutet manchmal: langsamer werden, Stress reduzieren, unterstützende Menschen finden.

Schritt 3: Mikro-Sensationen erkunden Auch wenn du denkst, du spürst nichts, sind meist winzige Empfindungen da. Der Druck der Kleidung auf der Haut. Die Temperatur der Luft beim Einatmen. Der Kontakt der Füße mit dem Boden.

Praktische Übung: Sanfte Erkundung

Nicht erzwingen, nur erkunden:

  1. Setze dich bequem hin und schließe die Augen.
  2. Frage dich sanft: “Was ist gerade da?” Nicht mit der Erwartung, viel zu spüren, sondern mit neugieriger Offenheit.
  3. Erkunde ohne Bewertung:
  • Wie fühlt sich der Kontakt zum Stuhl an?
  • Wie ist die Temperatur deiner Hände?
  • Wo in deinem Körper ist es vielleicht ein kleines bisschen wärmer oder kühler?
  • Gibt es irgendwo eine winzige Anspannung oder Entspannung?

Die ersten kleinen Durchbrüche

Bei Lisa dauerte es einige Wochen, bis sie erste zarte Empfindungen wahrnahm. Es begann mit der Beobachtung, dass ihre Schultern immer nach oben gezogen waren. Sie spürte die Anspannung nicht, aber sie konnte sehen, dass sie da war.

Dann, eines Tages, bemerkte sie zum ersten Mal bewusst, wie sich Entspannung anfühlt – als sie ihre Schultern bewusst sinken ließ. “Es war wie ein warmer Hauch”, beschrieb sie später. “So klein, aber so deutlich.”

Von da an ging es Schritt für Schritt. Erste Gefühle in der Brust. Dann im Bauch. Manchmal Rückschritte in die Taubheit, besonders bei Stress. Aber der Grundkontakt zu ihrem Körper war wieder hergestellt.

Geduld mit dem Prozess

Der Weg vom “Nichts-Spüren” zurück zur vollen Körperwahrnehmung ist kein linearer Prozess. Es ist normal, dass:

  • Manche Tage mehr zu spüren ist als andere
  • Erst unangenehme Gefühle zurückkommen (Anspannung, Schmerz) bevor die angenehmen folgen
  • Der Körper zwischendurch wieder “zumacht”, besonders bei Stress
  • Es Zeit braucht – manchmal Monate oder Jahre
Warum sich der Weg lohnt

Menschen, die den Kontakt zu ihrem Körper wiedergewinnen, berichten von:

  • Mehr Lebendigkeit – Farben werden intensiver, Essen schmeckt besser
  • Besseren Entscheidungen – weil sie wieder spüren, was stimmig ist
  • Tieferen Beziehungen – weil sie sich selbst und andere wieder fühlen können
  • Mehr Authentizität – weil sie spüren, wer sie wirklich sind
  • Natürlichem Stressabbau – der Körper kann wieder regulieren
Du bist nicht kaputt

Falls du zu den Menschen gehörst, die wenig spüren: Du bist nicht defekt. Du bist nicht weniger wertvoll. Dein System hat eine Zeit lang anders funktioniert, um dich zu schützen.

Und es gibt einen Weg zurück – einen sanften, respektvollen Weg, der deine Geschichte würdigt und gleichzeitig neue Möglichkeiten eröffnet.

Wann professionelle Hilfe sinnvoll ist

Der Weg zurück zum Spüren kann herausfordernd sein, besonders wenn:

  • Die Taubheit sehr ausgeprägt ist
  • Du Traumata erlebt hast
  • Du Angst vor den Gefühlen hast, die kommen könnten
  • Du alleine nicht vorankommst

Eine erfahrene Körperpsychotherapeutin kann dich dabei begleiten, diesen Weg in deinem Tempo zu gehen – ohne dich zu überfordern, aber auch ohne dich in der Taubheit gefangen zu lassen.

Ein neues Kapitel beginnt

Lisa sagte mir nach einem Jahr unserer gemeinsamen Arbeit: “Ich wusste gar nicht, wie viel Leben ich verpasst habe. Jetzt spüre ich wieder meine Freude, wenn meine Kinder lachen. Ich spüre, wenn ich müde bin und Pause brauche. Und ja, manchmal spüre ich auch Trauer oder Wut – aber das gehört zum Leben dazu. Ich fühle mich wieder lebendig.”

Kleine Schritte, große Veränderungen

Du musst nicht alles auf einmal spüren. Du musst nicht perfekt sein in der Körperwahrnehmung. Schon kleine Schritte – das bewusste Wahrnehmen deines Atems, die Aufmerksamkeit für die Temperatur deiner Hände, das Spüren deiner Füße auf dem Boden – können der Beginn einer wunderbaren Reise zurück zu dir selbst sein.

Dein Körper wartet geduldig auf dich. Er hat dich geschützt, als du es gebraucht hast. Und er ist bereit, dir wieder zu vertrauen, wenn du bereit bist, ihm zu vertrauen.

Fazit

“Ich spüre nichts” ist nicht das Ende der Geschichte – es ist oft der Anfang. Der Anfang einer behutsamen Reise zurück zu dir selbst, zu deiner Lebendigkeit, zu deinem authentischen Sein.

Dein Körper schweigt nicht aus Trotz oder weil er kaputt ist. Er schweigt, weil er dich geliebt und geschützt hat. Und mit der gleichen Liebe und Fürsorge kannst du ihm helfen, wieder zu sprechen.

Was wäre möglich, wenn du deinem Körper die Zeit und den Raum gibst, die er braucht, um wieder zu dir zu sprechen?

Fühlst du dich in diesem Artikel wiedererkannt? Du bist nicht allein auf diesem Weg. In der Körperpsychotherapie begleite ich Menschen dabei, sanft und respektvoll den Kontakt zu ihrem Körper wiederzufinden.

Vereinbare hier dein Erstgespräch